Die Kunst, nicht auf alles zu reagieren :SchriftZeichen Impulse und Gedanken aus Leben und Glauben / September 2026

Liebe Leserinnen und Leser,
„Die Kunst, nicht auf alles zu reagieren“ – so lautete der Titel meiner Urlaubslektüre in
diesem Sommer. Es ging um eine Fähigkeit, die in unserem Alltag beinahe verloren zu gehen
scheint – zumindest bei mir. Sonst hätte ich in der Buchhandlung vermutlich nicht zu diesem
Buch gegriffen. Schließlich erreichen uns Nachrichten im Sekundentakt, Erwartungen wollen
erfüllt, Meinungen beantwortet und Konflikte möglichst sofort geklärt werden. Schnell
entsteht der Eindruck: Ich muss reagieren – und zwar jetzt!
Der Titel soll an dieser Stelle keine Buchempfehlung sein. Vielmehr möchte ich ihn zum
Anlass nehmen, danach zu fragen, was der christliche Glaube zu einer solchen Haltung
beitragen kann. Das Buch ist in seinen Gedanken immer wieder an den Buddhismus
rückgebunden. Doch auch die Bibel kennt die befreiende Kraft des Innehaltens. So habe ich
mich beim Lesen ständig gefragt: Wo finde ich dafür Beispiele in der Bibel? Eigentlich ein
wenig komisch: Da lese ich ein Buch darüber, nicht immer sofort reagieren zu müssen – und
bin während des Lesens unentwegt damit beschäftigt, innerlich darauf zu reagieren. Aber das
war wohl mir selbst und meinem Glauben geschuldet.
„Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“, heißt es im
Jakobusbrief (Jakobus 1,19). Das ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit. Christlicher Glaube
bedeutet nicht, die Augen vor Unrecht zu verschließen, notwendige Entscheidungen
aufzuschieben oder sich aus jeder Verantwortung zurückzuziehen. Jesus selbst hat sehr klar
gesprochen und entschlossen gehandelt, wenn Menschen verletzt, ausgegrenzt oder ihrer
Würde beraubt wurden.
Zugleich ließ Jesus sich nicht von jeder Erwartung betismmen. Er beantwortete nicht jede
Provokation er erfüllte nicht jeden Wunsch, der an ihn herangetragen wurde. Immer wieder
zog er sich in die Stille zurück, um zu beten und sich neu auf Gott auszurichten. In der
Begegnung mit der Ehebrecherin etwa reagiert er nicht sofort auf die aggressive Forderung
der Ankläger. Zunächst bückt er sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde (Johannes 8,1
11). Es entsteht eine Pause. Der aufgeheizte Augenblick wird unterbrochen. Erst dann spricht
Jesus – und sein Wort verändert die ganze Situation.
Vielleicht liegt darin auch für uns eine geistliche Übung: nicht jeden Reiz unmittelbar in eine
Reaktion zu verwandeln. Zwischen dem, was uns begegnet, und unserer Antwort darf ein
Moment der Stille liegen. Ein Atemzug. Ein kurzes Gebet. Und die Fragen: Muss ich darauf
wirklich antworten? Muss es jetzt sein? Was dient dem Leben und dem Frieden?
Nicht alles, was unsere Aufmerksamkeit verlangt, verdient auch unsere Kraft . Nicht jede
fremde Meinung muss widerlegt, nicht jede Bemerkung persönlich genommen und nicht
jede Sorge bis zum Ende durchdacht werden. Manches dürfen wir wahrnehmen und dann
loslassen. Manches können wir Gott anvertrauen, statt es in uns endlos weiterzutragen.
Jesus sagt: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst
sorgen“ (Matthäus 6,34). Auch das ist kein Aufruf zur Untättigkeit. Es ist eine Einladung zum
Vertrauen. Wir müssen nicht jede Möglichkeit kontrollieren, nicht jedes Problem
vorwegnehmen und nicht auf alles eine fertige Antwort haben. Unser Leben ruht nicht allein
auf unserer Fähigkeit, richtig und schnell zu reagieren. Es ruht in Gottes Hand.
Die Kunst, nicht auf alles zu reagieren, ist deshalb aus christlicher Sicht mehr als eine Technik
zur Stressbewältigung. Sie ist eine Form geistlicher Freiheit. Ich muss mich nicht von jeder
Nachricht, jeder Stimmung und jeder Erwartung bestimmen lassen. Ich darf hören und
prüfen. Ich darf schweigen und beten. Und dann kann ich dort handeln, wo meine Antwort
wirklich gebraucht wird – nicht getrieben vom Augenblick, sondern getragen von Gottes
Geist.
Vielleicht kann uns der September dazu einladen, diese kleine Freiheit neu einzuüben – jetzt,
da vieles wieder von vorn beginnt, zumindest für alle, deren Leben sich am Schuljahr
orientiert: schnell zum Hören, langsam zum Reden und aufmerksam dafür, wann es Zeit ist zu
schweigen und wann Gott uns ruft , mutig zu handeln.
Ihre und eure
Stephanie Schippers